Neos Conference 2026

Das CMS ist nicht tot – es wird gerade erst wichtig

Anfang Juni stand ich in Karlsruhe auf der Bühne der Neos Conference und versuchte zu beschreiben, wie sehr sich die Welt rund ums Content Management gerade verschiebt. Und wie vermutlich jeder scrollte ich schon an Posts vorbei, die ungefähr so lauten: 

"Built a fully functional website in 5 minutes with AI. CMS is dead. RIP CMS."

Solche Posts gibt es gerade jede Menge. Und sie ärgern mich jedes Mal. Sie haben ja teilweise auch recht. Aber sie erzählen eben auch nicht die ganze Wahrheit.

Als ich vor vielen Jahren Talks zu TYPO3 und später Neos gegeben habe, gab es regelmäßig Zuhörer, die erklärten, dass sie auch schon an einem Wochenende das eine oder andere CMS entwickelt haben. Wo denn da eigentlich das Problem sei.

Klar, du kannst heute in fünf Minuten mit KI eine Website bauen. Sie wird auch funktionieren — solange du die Definition von "funktionieren" sehr großzügig fasst. Wenn "Website" für dich bedeutet, statische Inhalte annehmbar in einem Browser darzustellen.


» Ein CMS hat doch schon jeder mal am Wochenende entwickelt. Was soll daran auch so schwer sein «

Der eine oder andere Entwickler auf PHP-Konferenzen

Aber wenn "Website" für dich bedeutet: ein Ort, an dem Inhalte verlässlich entstehen, verantwortet werden, über die Zeit gepflegt sind, von Menschen und Maschinen verarbeitet werden und unter deiner Kontrolle bleiben — dann gilt das Gegenteil von dem, was die Vibe-Coding-Posts behaupten. Dann brauchen wir Content-Management-Systeme dringender, als wir sie je gebraucht haben. Sie verlieren in der KI-Revolution nicht ihre Daseinsberechtigung. Sie bekommen endlich die Rolle, die sie immer hätten haben sollen.

Was die "Fünf-Minuten-Website" übersieht

Wer in fünf Minuten mit einem Generator eine Site zusammenklickt, bekommt einen statischen Zustand. Eine Momentaufnahme. Was er nicht bekommt, ist alles, was nach diesen fünf Minuten kommt:

  • Wer aktualisiert die Inhalte morgen, nächste Woche, in zwei Jahren?
  • Wer entscheidet, was rausgeht, und wer schaut vorher noch einmal drauf?
  • Wo liegen die Inhalte, wenn sie auch in einer mobilen App, in einer Pressemitteilung, in einer Antwort einer KI-Suche zitiert werden sollen?
  • Was passiert, wenn jemand (zum Beispiel ein gewisser "Claude") etwas ändert, was nicht hätte geändert werden sollen?
  • Wer haftet, wenn der Inhalt falsch ist?

Diese Fragen sind die eigentlichen Fragen des Content Managements. Sie waren es vor zwanzig Jahren, und sie sind es jetzt erst recht. Eine Fünf-Minuten-Website beantwortet keine davon. Sie überspringt sie einfach.

Vibe-generiertes Foto einer Vibe-Website-Generierungssuppe

Liest eigentlich noch jemand selbst?

In meiner Keynote habe ich versucht, eine Beobachtung zu formulieren, die gerade alles verschiebt: Wir haben unsere Websites und Content Management Systeme dreißig Jahre lang für Menschen gebaut. Diese Annahme bricht gerade leise weg.

Maschinen sind die neue Leserschaft im Web. KI-Agenten besuchen die Seite anstelle ihrer Auftraggeber, lesen sie, extrahieren, und präsentieren die Antwort woanders — in einem Chat, in einer Übersicht, in einer Suchantwort. Wer auf seiner Website nur eine hübsch designte Story erzählt, aber keine sauber strukturierten Inhalte hinterlegt, wird von diesen Agenten nicht verstanden. Und damit nicht zitiert. Und damit, in einem wachsenden Teil der Suchen, schlicht nicht existent.

Das ist aber erst die halbe Geschichte.

Maschinen lesen nicht nur unsere Websites. Sie fangen an, sie auch zu bearbeiten. Ein KI-Agent, der im Auftrag eines Mitarbeiters einen neuen Blog-Eintrag entwirft, eine Produktbeschreibung anpasst, eine Kampagnenseite vorbereitet. Systeme wie Neos bekommen damit einen neuen Nutzertyp, eine Rolle für die sie nie entworfen wurde.

David Spiola, ein guter Freund und Core-Team-Mitglied im Neos-Projekt, hat das auf der Konferenz in seinem Schluss-Vortrag schön formuliert: Heute sind Agenten unser Publikum. Morgen sind sie unsere Belegschaft. Sein Talk hieß "The CMS is dead. Long live the CMS." — und er hat mit dieser Verschiebung den vielleicht stärksten Punkt des Tages gemacht.

David Spiola während seines Vortrags "The CMS is dead. Long live the CMS"|Foto: Daniel Lienert

Zwei Webs, dieselbe Quelle

Davids Bild gefällt mir, weil es das Phänomen sortiert: Wir bekommen gerade zwei Internets, die sich auseinander entwickeln. Das menschliche Web, das wir kennen — Seiten, die jemand mit Augen liest. Und das Agenten-Web, in dem Maschinen Inhalte abholen, weiterverarbeiten, woanders ausspielen.

Beide brauchen dieselbe Substanz: gute, verlässliche, gepflegte Inhalte. Aber sie brauchen sie unterschiedlich aufbereitet. Der Mensch will gestaltete Seiten, mit Bildern, Layout, Atmosphäre. Der Agent will Struktur — semantische Auszeichnung, klare Felder, eindeutige Bedeutung.

Wer beides liefern will, ohne sich die Arbeit doppelt zu machen, braucht ein System, in dem die Inhalte einmal sauber modelliert vorliegen — und über verschiedene Wege ausgespielt werden können. Mit anderen Worten: Er braucht ein Content-Management-System. Genau das.

Souveränität heißt Optionen zu haben

Es gibt noch einen Punkt, der mir seit langem wichtig ist — und auch hier hat Davids Vortrag ihn auf den Punkt gebracht.

Deine Website ist einer der letzten Orte im Web, den du voll kontrollieren kannst. Alles andere im Netz, in dem wir mit Inhalten präsent sind, sind walled gardens, die jemand anderem gehören. Google. Perplexity. ChatGPT. LinkedIn. Facebook. Sie ändern morgen ihre Regeln. Sie drehen morgen den Hahn ab. Sie zeigen morgen unsere Inhalte mit Werbung darüber. Sie können das, weil es ihr Spielfeld ist.


» Your website is the only place you truly own in the internet. «

David Spiola – Neos Team

Die eigene Website ist der einzige Ort, an dem niemand zwischen uns und unseren Leser:innen sitzt. Wenn wir diesen Ort aufgeben, weil wir denken, dass die Antwort-Maschinen unsere Sichtbarkeit jetzt sowieso übernehmen — dann geben wir freiwillig die letzte Bühne aus der Hand, die uns wirklich gehört.

Das heißt nicht, dass wir die Antwort-Maschinen ignorieren sollten. Im Gegenteil: Wer in ihnen nicht präsent ist, existiert in einem wachsenden Teil des Webs nicht. Wir müssen unsere Inhalte so strukturieren, dass Perplexity, ChatGPT, Google AI Overviews sie verstehen und zitieren können. Aber wir müssen das zusätzlich tun, nicht stattdessen. Unsere eigene Site bleibt die autorisierte Quelle, gegen die alles andere referenziert.

Und genau dafür brauchen wir ein gutes Werkzeug.

Mensch und KI arbeiten zusammen, nicht nacheinander

Eine Sache, die mir bei der populären Erzählung besonders fehlt, ist die vermutliche Realität, wie wir in den nächsten Jahren mit KI arbeiten werden. Nicht: KI schreibt jetzt alles. Sondern: Mensch und KI arbeiten gemeinsam an Inhalten. Der Agent macht einen Vorschlag, der Mensch prüft. Der Mensch entwirft, der Agent schlägt Varianten vor. Der Agent recherchiert, der Mensch verantwortet.

Diese Zusammenarbeit braucht Werkzeuge. Das heißt wir brauchen einen Ort, an dem Vorschläge gemacht, kommentiert, überarbeitet, freigegeben werden können. Ein System für Reviews, Änderungsvorschläge, Kommentare. Für Versionierung und Rollback.

In dieser neuen Welt wird aus dem Editor ein Supervisor. Aus dem Entwickler ein Architekt. Aus der Agentur ein Builder of Context.

Diese Rollenverschiebung ist aber gar nicht so radikal wie sie sich anhört. Wer in Software-Teams arbeitet, kennt sie schon: Wir nennen sie DevOps. Versionsverwaltung, Branches, Pull Requests, Reviews, Pipelines. Im Content-Bereich haben wir dieses Denken bis heute nur halbgar umgesetzt (die meisten Workflows basieren noch auf Word-Dateien und vielleicht einem Jira-Board). Jetzt ist der Moment, das ernst zu nehmen. Denn ein Agent, der eigenständig Inhalte verändert, ist eine Black Box, die wir mit denselben Mitteln zähmen müssen, die wir aus DevOps kennen.

Robert Lemke während der Eröffnungsrede der Neos Conference 2026|Foto: Daniel Lienert

Im Neos-Projekt haben wir uns schon lange mit solchen Themen beschäftigt. Unser neues Content Repository folgt dem Paradigma "Git for content" (womit eigentlich gemeint ist: "so ähnlich wie Git, nur halt für Content"). Deshalb denken wir gerade über genau solche Funktionen nach: Review-Workspaces, Kommentare an einzelnen Inhalten, Änderungsvorschläge wie in Words "Überarbeiten"-Modus. Universell, egal ob der Vorschlag von einer Kollegin oder von einem Agenten kommt. 

Das ist alles noch nicht spruchreif und entstand erst kurz nach der Konferenz. Was ich aber für sicher halte: Diese Schicht muss kommen.

Was ein CMS für eine KI-Welt mitbringen muss

Wenn ich aufzähle, was ein Content-Management-System in den nächsten Jahren leisten muss, kommt eine Liste heraus, die vor fünf Jahren vermutlich niemand als besonders wichtig bezeichnet hätte:

  • Strukturierte, semantische Inhalte für die Machine Experience
  • Audit Trail und Rollback, weil Agenten Dinge tun, die wir nachverfolgen müssen
  • Workspaces und Reviews, damit Mensch und KI sich mit ihrem Content nicht in die Quere kommen
  • Saubere, vollständige APIs, weil wir Inhalte in vielen Kanälen brauchen — auch dort, wo nur eine Maschine zuhört
  • Eine richtig gute Editor Experience, weil der Mensch in-the-loop bleibt (und auch selbst noch Texte schreibt). Der Supervisor braucht ein gutes Werkzeug

Wie gesagt, wir haben in Neos vor Jahren angefangen, einige dieser Dinge zu bauen. Event Sourcing, sauber getrennte Inhalts- und Präsentationsschichten, Content Dimensions, Workspaces. Sicher fanden das damals so einige etwas übertrieben und dachten wir bauten ein Fundament für ein Problem, das es gar nicht gibt. Heute trägt dieses Fundament, und ich bin froh, dass wir es gebaut haben.

Was bleibt

Die Erzählung, das CMS sei tot, ist verlockend, weil sie einfach ist. Sie ist auch falsch. Das CMS ist nicht tot. Es wird gerade erst, was es immer hätte sein sollen: der Ort, an dem eine Organisation die Wahrheit über sich selbst verlässlich aufbewahrt — und der Ort, an dem sie kontrolliert, wie diese Wahrheit aufbereitet, ausgespielt, verändert und verantwortet wird. Für Menschen, für Maschinen, für die nächste Generation von Schnittstellen, die wir noch nicht kennen.

Wer im Moment alles auf die Antwort-Maschinen verlagert und seine eigene Plattform aufgibt, gibt seine letzte souveräne Bühne aus der Hand. Wer dagegen seinen eigenen Ort pflegt, sauber strukturiert, mit Werkzeugen für Mensch und Maschine — der ist nicht hinter der Zeit. Der ist genau da, wo das Web gerade erst hingeht.

David hat seinen Vortrag mit zwei Worten beendet: Go build. Und das tun wir ;-)


Mein Call to Action: Überlasse das Internet nicht den Zuckerbergs und Maschinen

Robert Lemke

Geschäftsführer